Einführung

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Jeder Mensch kann ungewollt in die Lage kommen, sich mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen zu müssen. Häufig ist es ein kurzer Moment, der uns unvermittelt wie ein Blitzschlag trifft. Es kann aber auch ein schleichender, langwieriger Prozess sein, an dessen Ende eine schwere Behinderung steht. Die Reaktion des Einzelnen hängt von vielen Kriterien ab. Schmerzhaft stellen Betroffene fest, dass der Eintritt in die Gruppe der Behinderten altersunabhängig ist. Auch wenn die heile TV-Welt uns glauben machen will, Behinderung, Pflege und Krankheit wäre ein Problem des demografischen Wandels, eine Folge einer überalterten Gesellschaft. So unterschiedlich die Gründe sind, die zu einer Behinderung führen, so unterschiedlich sind auch die Persönlichkeiten der Menschen.

Übrigens an dieser Stelle möchte ich Sie, den älteren Mitbürger, kurz ansprechen. Wenn Sie so alt sind, dass Sie nicht mehr rechtzeitig bei Grün über die Straße kommen, sind Sie noch lange nicht behindert. Alter ist keine Behinderung. Auch wenn Sie einen Herzinfarkt hatten, was wirklich schlimm ist, haben Sie - verdammt nochmal - dem Rollstuhlfahrer nicht den Behindertenparkplatz wegzunehmen! Für das Alter gibt es doch keinen Nachteilsausgleich!

Man kann seine Persönlichkeit, seinen Charakter nicht einfach ablegen wie eine zu lange getragene Unterhose, nur weil der Charakter einfach nicht mehr zum körperlichen Zustand passt. Aber Sie können daran arbeiten. Das wird Sie stärken. Der Modebegriff für Persönlichkeitsanpassung ist "Coping". Je besser Sie sich Ihren neuen Lebensumständen anpassen, umso entspannter werden Sie mit Ihrer Situation umgehen können. Bei der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises kann es hingegen zu einer Zerreißprobe für Ihre Nerven kommen.

Fortan werde ich vom "Behindertenanwärter" sprechen, wenn es um eine Person geht, die meint, sie wäre behindert, die aber noch keinen Ausweis in Händen hält. Personen, die sich eines "Behindertenanwärters" annehmen, weil dieser dazu selbst nicht in der Lage ist, stehen stellvertretend für diesen.

Sie müssen ihren "Gegner" kennen. Sie müssen lernen, wie er denkt, wie er  atmet. Nicht das Sozialgesetzbuch ist die Hürde, die Sie überwinden müssen, sondern der Sachbearbeiter der zuständigen Stelle steht Ihnen im Weg. Sie müssen seine Schwächen ausloten. Kurz gesagt: Sie brauchen eine Profilerausbildung. Profiler sind diese Menschen in amerikanischen Krimi-Serien, die an irgendeinem Tuch schnüffeln, das am Tatort liegt, und die dann vom Geruch des Tuches auf den seelischen Zustand des Opfers oder des Täters schließen.

Ich kann hier natürlich nur den Grundkurs vermitteln. Aber haben Sie erst einmal die wesentliche Vorgehensweise des Sachbearbeiters verinnerlicht, werden Sie besser und besser, bis der Sachbearbeiter, der für Ihr Anliegen zuständig ist, zu einem Glühwürmchen wird, welches morgens mit den ersten Sonnenstrahlen erlischt. Sie wissen dann, dass Sie ihm überlegen sind, und dass Sie triumphieren werden. Auch wenn Sie erst einmal eine Ablehnung bekommen, werden Sie am Ende Ihr Ziel erreichen. Sie werden formlos, aber fristgerecht Widerspruch einlegen, und die Begründung werden Sie nachreichen. Dabei wird Ihnen die Lektüre dieses Ratgebers behilflich sein. Das ist mein Ziel. Wenn Sie meinen Ausführungen aufmerksam folgen, ist ihr Erfolg vorprogrammiert.

Bei Ablehnung immer Widerspruch einlegen!
Formlos!
Fristgerecht!

Damit ist der "Gegner "auch schon ausgemacht. Der Sachbearbeiter der für Sie zuständigen Stelle wird Ihr imaginärer "Gegner" sein. In den Gesetzestexten findet sich immer die nichtssagende Wortkombination »Zuständige Stelle«, da die Bezeichnungen der Stellen in einem immerwährenden Verwirrspiel ständig wechseln. Die Aufgaben und Telefonnummern der Sachbearbeiter wechseln noch häufiger. Wer heute noch für die Buchstaben A bis E zuständig war, ist morgen für ganz andere Dinge verantwortlich, für die Buchstaben F bis I vielleicht.

Ein verbeamteter Sachbearbeiter einer Behörde kann überall arbeiten, egal ob  im Sozialamt, im Liegenschaftsamt oder im Bürgerbüro. Medizinisch-fachlich hat er also keine große Ahnung, er ist lediglich mit den gesetzlichen Vorgaben vertraut, die es einzuhalten gilt. Da steht nirgends etwas von Ihren Leiden, von Ihrem subjektiven Gefühl, aus dem Leben zu fallen. Ihr Hilfeschrei landet wahrscheinlich bei einem Menschen, der die Koordination der Halteverbotsschilder in verkehrsberuhigten Zonen mit der gleichen Souveränität und Anteilnahme behandelt, wie Ihr aus dem Lot geratenes Leben. Sie selber aber wollen Ihr Leben verbessern, indem Sie die Nachteilsausgleiche des Sozialsystems in Anspruch nehmen.

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Sie werden durch die Hinweise dieses Ratgebers so gut vorbereitet sein, dass der Sachbearbeiter Geschlecht, Hautfarbe oder Alter wechseln kann, während Sie mit ihm sprechen. Es wird für Sie keine Rolle spielen. Es sei denn, Sie finden seine Schwachstelle, die Sie für Ihr Anliegen nutzen können. Vergessen Sie, dass sich ein Mensch hinter dem Synonym "Sachbearbeiter" verbirgt. Für ihn sind Sie nur eine Nummer auf einem Antragsbogen, einem Antragsbogen unter vielen anderen Antragsformularen, die wie jeden verdammten Morgen darauf warten, aufgeklappt und bearbeitet zu werden, während das Ticken der Uhr über dem Wasserspender den ewigen Takt der gepflegten Langeweile in dem kleinen, ungemütlichen Raum verströmt. Sie werden ihm immer einen Schritt voraus sein. Auch ohne Beine.

Und was zeichnet Sie nun aus? Nachteile zeichnen Sie aus! Sind Sie jemand mit nur noch 30 Prozent  Lungenvolumen? Jemand mit mehreren Bypässen? Mir leuchtet sofort ein, dass Sie ein Anrecht auf behinderungsbedingten Nachteilsausgleich haben. Sind Sie ein Querschnittsgelähmter? Der ist auf jeden Fall schwerbehindert, oder? Wir werden sehen. Erst, wenn es sich um eine Behinderung im Sinne des Ermessens des zuständigen Sachbearbeiters nach den Richtlinien des Gesetzgebers handelt, werden Sie behindert sein. Dann werden Sie den Feststellungsbericht und den Ausweis in Händen halten. Wenn das Ziel erreicht ist, gibt es wenig Anlass, ausgelassen zu jubeln. Aber frustriert müssen Sie auch nicht sein.