Kapitel 3 - Grad der Behinderung

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Kommen wir zum »Grad der Behinderung (GdB)«. Den »GdB« finden Sie auf der Ausweisrückseite (siehe Ausweisbild). Der »GdB« ist in Zehner-Schritte eingeteilt, da es wenig Sinn macht, Erfahrungswerte ausgesuchter Mediziner kleinteiliger zu sortieren. Objektive Kriterien gibt es nicht. Vielleicht hat der eine Mediziner viel mehr Erfahrung als der andere. Aber Zehner-Schritte sind schon sehr grob. Nehmen wir an, Sie gehen an die Fleischtheke und bekommen bei der Bestellung von zehn Scheiben gemischten Aufschnitt immer mal nur neun Scheiben. Was gäbe das für ein Hallo! Die Presse würde einen Fleischskandal an der Wursttheke beklagen.

Die Kriterien zur Erlangung des »GdB« im Ausweis sind in den Vorschriften zum »Grad der Schädigung« festgehalten. So, wie ich eingangs zum Studium des höheren Dienstes der Verwaltung geraten habe, komme ich jetzt nicht umhin zu erwähnen, dass auch ein Studium der Medizin hilfreich sein könnte. Vom »GdS« haben Sie vermutlich noch nichts gehört? Macht nichts, Sie stehen damit nicht allein.

Ich, als Betroffener, also chronisch Kranker und im Sinne des »Sozialgesetzbuches« für immer schwerbehinderter Mensch, habe mich autodidaktisch dem Selbststudium verschrieben, und zwar gezwungenermaßen. Zur Beurteilung des »GdS« gibt es eine Verwaltungsvorschrift, die klärt, was für einen Schaden man hat und vor allem, was man damit anfangen kann, also welcher »GdB« dabei herausspringen könnte.

Die Schädigungen und deren Einordnung in Grade reichen von »100  = schwerbehindert« über »80 = weniger schwerbehindert« bis »unter 50 = nur behindert«.

»Warum heißt Ihr Ratgeber dann 100Pro«

Es soll den Charakter des Ratgebers ausdrücken und gleichzeitig die Willkür des Begriffs Schwerbehinderung zum Ausdruck bringen.

In den sozialen Netzwerken wird trefflich über den Begriff Grad und nicht Prozent gestritten. Formal wird das % in der Mathematik benutzt um etwas auf 100 zu beziehen und zwar linear. Das heißt die Abstände von Prozenten sind natürlich gleich. Das bedeutet, dass der Unterschied von 100% auf 90%, also 10%, der gleiche ist wie von 50% auf 40%.

Das konnte man natürlich im Schwerbehindertenrecht nicht zulassen. Wie bitte soll ein Grad der Behinderung eine genau teilbare Klassifizierung bekommen? Vor Gericht würde man sich in kleinteiligen Beweisen aufreiben. Ein Schelm ist, wer nun behauptet, man hätte eine willkürliche Einteilung geschaffen, deren Skalierung von vorn herein keine Berechnung bzw. Nachweisbarkeit zulässt. Eine mathematisch sinnvolle Beziehung zwischen Grad 25 und 50 gibt es nicht. Jemand bestimmt den Unterschied, er/sie berechnet ihn nicht.

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Unter 25 sind Sie nicht einmal behindert. Die Ärzte, die dafür verantwortlich sind, treffen sich im »Ärztebeirat«, einem 17-köpfigen Gremium, das die Richtlinien beobachtet und gegebenenfalls anpasst.

Der »GdS« ist in einer Verfahrensanweisung festgelegt. Die Kriterien des »GdS« sind in »Behinderung und Ausweis« aufgeführt. Auch im Internet werden Sie fündig werden. Ein Buch, das jeder der behindert werden möchte, besitzen und lesen sollte, ist »Behinderung und Ausweis«. Stellen Sie dieses Buch, das übrigens nichts kostet, nicht zu den anderen Büchern aus Dekorationsgründen in den Schrank. Es wird von den Landesämtern z.B. »LWL-Integrationsamt Westfalen-Lippe« herausgegeben und ist bei den Beratungsstellen zu beziehen.

Hier ist der Titel schon irreführend. Er sollte meines Erachtens "Ausweis und Behinderung" heißen. Behinderung ist ein Rechtsbegriff, den man mit der Ausstellung des Ausweises tragen darf, nicht umgekehrt. Wobei Grade der Behinderung unter 30 lediglich am Stammtisch in der Kölner Innenstadt von Bedeutung sind. Ob sich der Aufwand der Beantragung dafür lohnt, bleibt jedem selbst überlassen.

Wenn Sie mehrere Probleme haben, also mehrere »GdS«, was bei behinderten Menschen häufig der Fall ist, werden die Handicaps einzeln bewertet und dann ... ? Nein, sie werden nicht zusammengezählt. Sie werden nach einem individuellen Anrechnungsmodus, der

0 - 20 nicht behindert.
(hier gibt es keine Ausweispflicht; noch nicht).

25 - 45 behindert.
(Diese Zuordnung gibt es schnell, da sie dem Staat nichts kostet).

50 - 100 schwerbehindert.
(Der Widerstand des Staates ist enorm. Eine Heerschar
von Sachbearbeitern soll den Staat vor potentiellem Missbrauch schützen).

dem Mediziner des "Medizinischen Dienstes" überlassen ist, anteilig bewertet. Wo kämen wir auch hin, wenn jemand mehr als schwerbehindert wäre. Mega-behindert oder Ähnliches gibt es nicht. Beim Runterrechnen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Leicht landet man immer nur bei "behindert" und bekommt einen schönen Ausweis, mit dem man nichts anfangen kann. Nach oben sind dem Spaß dann doch Grenzen gesetzt. Es ist für jeden ersichtlich, dass da mal Schluss sein muss mit dem Belohnen. Wo kämen wir da hin? Aber keine Angst. Sie werden auf Ihrem ersten Bewilligungsschreiben sehen, wie kreativ kleine Probleme wegzudiskutieren sind, Schwindelanfälle zum Beispiel. Wem ist denn nicht schon mal schwindelig?

Ich rate immer zu »Wenn schon, denn schon« also 100 %. Sie haben nun den Unterschied zwischen den Nichtbehinderten, den "Behindertenanwärtern" und den Schwerbehinderten kennengelernt, wobei die Letztgenannten eben auch einer nochmaligen Einteilung unterliegen.

Wenn Sie denken: »Warum kommt der nicht jetzt endlich auf den Punkt? Ich war beim Arzt? Ich weiß genug«, dann täuschen Sie sich. Haben Sie noch ein paar Seiten Geduld mit mir. Sie werden es zu schätzen wissen, denn Sie werden erfolgreich sein. Sie werden den »SBA« bekommen. Sie werden die Kraft haben, auch diese schwere Lebensaufgabe zu lösen. Sie werden wie ein Sachbearbeiter denken lernen.

Um die notwendigen Fähigkeiten zu trainieren, gehe ich hier nicht weiter auf die Steuervorteile durch unterschiedliche »Grade der Behinderung« ein. Wenn Sie das nicht selbst herausfinden, sollten Sie von der Idee behindert zu werden, Abstand nehmen. Am Ende des Ratgebers habe ich Ihnen eine Liste erstellt, die Sie abarbeiten sollten, Punkt für Punkt.