Prolog

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Was haben ein Behinderter, ein Erfinder und ein Heiliger/Seliger gemein? - Wenn ein Spruch so beginnt, dann hat man entweder bereits ein Schmunzeln auf den Lippen oder man hofft inständig, die Auflösung möge nicht allzu holprig und ausschweifend sein. In unserem Fall handelt es sich allerdings nicht um einen Witz.
 
Ich bin ein steuerzahlender Bundesbürger, Familienvater, Ingenieur, Autor, Behinderter und Erfinder und, und, und ... . Da Sie diese Zeilen von mir lesen, kann ich schlecht Seliger oder Heiliger sein, da ich die Grundvoraussetzung - toter Katholik - nicht erfülle. Als Behinderter mit einem "Ausweis der Extraklasse auf Lebenszeit" und als Erfinder mit einigen Patenten kann ich jedoch etwas dazu sagen, wie man Erfinder und Behinderter wird. Patente und Ausweis musste ich beantragen.

Erfinder! Wie sich das schon anhört. Seien Sie mal ehrlich, wie viele Erfinder kennen Sie? Persönlich, meine ich. Genau! Wenige bis keinen kennen Sie. Also muss da etwas dran sein - am exklusiven Erfindertum. Ich habe gleich mehrere Dinge erfunden. Wenn Sie meinen Namen googeln und den Begriff »PATENT« zusätzlich eingeben, werden Sie meine Erfindungen aufgeführt bekommen. Dass ich ein Schwerbehinderter bin, müssen Sie mir einfach nur glauben.

Zum Erfinder, wie Sie sich das eventuell vorstellen, wurde ich quasi zufällig. Alles begann damals mit einer Idee und einem Versehen. Man gab mir eine schier unlösbare Aufgabe, an der ich in meinem Job als Entwickler fast zu verzweifeln drohte. Bei meinen unzähligen vergeblichen Versuchen, die Aufgabe zu erfüllen, stocherte ich im Nebel und fand dann irgendwann eine Lösung, die mir wie die besagte Nadel im Heuhaufen vorkam. Noch war die Lösung eine Fiktion. Ideen sind -  in der Welt der Arbeit - nur zu etwas nütze, wenn sie sich in Gewinn für den Unternehmer verwandeln lassen.

Es funktionierte! Freilich war es da noch keine Erfindung. Oder doch? Mein Arbeitgeber hegte Zweifel an der Nutzbarkeit, dennoch machte ich auf Anraten eines Kollegen weiter. Aber wie zum Teufel funktionierte es, ein Erfinder zu sein, ein Patent zu bekommen?

Ich las das Gesetz über Arbeitnehmererfindungen und teilte meinem Arbeitgeber mit: »Ich habe eine Arbeitnehmererfindung gemacht!«, und bat brav um Übernahme. Bevor ich die Geschichte »Wie werde ich Erfinder?« weiter erzähle, möchte ich die erste Brücke zu der Frage »Wie werde ich Schwerbehinderter?« schlagen.

Das ging im Prinzip genauso wie beim Erfinder-Werden. Irgendwer sagte zu mir: »Sag mal, hast du eigentlich einen Behindertenausweis?« Er war der festen Überzeugung, dass ich, wenn jemand einen Behindertenausweis haben müsste, alle Kriterien erfüllen würde, die dafür notwendig sind. Ich sah das damals ganz anders. Hallo! Erfinder werden, war eine super Sache, aber Behinderter zu werden?

Ähnlich wie auf meinem Weg, ein richtiger Erfinder zu werden, ging ich zum erfahrenen Spezialisten , dachte ich. In meinem Fall einem Neurologen, der mich irgendwann fragte: »Sagen Sie mal, haben Sie noch keinen Schwerbehindertenausweis?« Was war das für eine Frage? Ich dachte damals: »Du hast nie gesagt, dass ich einen Schwerbehindertenausweis brauche, wieso fragst du mich?!« Ich war gerade mal dreißig. Wer denkt da an Schwerbehinderung?

Offensichtlich bedurfte es eines Anstoßes von außen, um mich in diese Richtung zu schubsen. Bei der Anmeldung meines vermeintlichen Patents und der Beantragung eines Behindertenausweises hatte ich gleichermaßen in ein bürokratisches Wespennest gestochen. Um die eigentliche Sache ging es in beiden Fällen kaum.

Ich erinnere mich noch an den Moment, als ich hörte, dass Papst Benedikt als Vertreter Gottes auf Erden seinen Vorgänger, den Johannes Paul, seligsprach. Der hat das selber auch nicht gewusst, der Johannes Paul! Als Vertreter Gottes hatte der Papst, der Johannes Paul, da bin ich sicher, schon mal zu Lebzeiten ein Auge aufs Seligsein geworfen. Jetzt hängt er wahrscheinlich irgendwo da oben rum, wo immer das auch sein mag, und freut sich, dass es geklappt hat.

Mir geht’s heutzutage ähnlich. Sie merken bestimmt schon, auf was es hinausläuft! Je klarer damals wurde, was meine Erfindung wert sein könnte, umso weniger war mein Arbeitgeber von diesem Nutzen überzeugt. Er musste ja schließlich dafür bezahlen. Als angehender Erfinder war ich total unsicher im Auftreten. Das musste sich ändern. So begann ich Patente zu lesen, sie zu durchleuchten. Ich wollte unbedingt wissen, wie das mit den Erfindungen so funktioniert. Die Sprache ist ähnlich komplex wie das Beamtendeutsch des Sozialrechts.

Und dann stellte ich verblüfft und gleichzeitig grenzenlos enttäuscht fest: »Es ist alles bloß ein schnöder Verfahrensablauf, der Akt eines Sachbearbeiters, der irgendwo in einer Behörde an einem Schreibtisch, der auch schon bessere Tage gesehen hat, sitzt und tagaus, tagein Anmeldungen liest, mit Nummern im Kopf, nur Nummern.« Einerseits enttäuscht, andererseits aber besser gewappnet, trat ich meinen Verhandlungspartnern entgegen. Heutzutage würde man von einer Win-Win-Situation sprechen.
 
Heute ist mein Interesse an neuen Erfindungen zur Vergrößerung meines Egos, ohne davon finanziell zu profitieren, erloschen. Es gehört zu meinem Job, nicht mehr und nicht weniger. Hier liegt wohl auch der große Unterschied zur Beantragung eines Behindertenausweises. Den habe ich nur für mich ganz allein beantragt. Allerdings wusste ich damals beim Neurologen überhaupt nicht, was ich mit einem solchen Behindertenausweis anfangen sollte. "Arbeitsplatzsicherung!", sagte mein Neurologe! Das war ein Argument.

Ein Patentanwalt sagte mir einmal, er könne, wenn er wolle, Erfindungen nach Belieben machen. Klar, der weiß ja schließlich, wie es geht. Genialität, wie man landläufig meint, gehört nicht notwendigerweise zu den Ingredienzien einer Erfindung.

Sachbearbeiter des Bereichs Behinderung und Mitarbeiter des "Medizinischen Dienstes" würden auch sofort einen Schwerbehindertenausweis bekommen. Da bin ich mir sicher. Obwohl ich - nicht ohne Stolz - von mir behaupte, eher behindert zu werden, als es ein Sachbearbeiter könnte. Ich habe bislang jedes "Duell" gewonnen.

Songtext von Udo Lindenberg


Ach wie gerne wär ich im Club der Millionäre
doch da kommt man nicht so ohne weitres rein
da muss man schon Erfinder oder
Schwerverbrecher sein.

Nichts für ungut, Udo. Erfinder gehören nicht in den Kreis der Millionäre. Aber das zeigt natürlich, wie groß der Unterschied zwischen dem, was ein Mensch über etwas denkt, und der schmucklosen Realität ist. Bei Erfindern fällt einem Daniel Düsentrieb ein, die Comic Figur von Walt Disney, oder Albert Einstein. Letztgenannter arbeitete zufällig im Patentamt. Sie wissen, was ich meine? Und er wurde reich und berühmt. Ich bin weder reich noch berühmt. Aber ich habe einen Ausweis.

Wie stellen wir uns jetzt einen schwerbehinderten Menschen vor? Was fällt uns dazu ein?

  • Leid!
  • "Scheiße, womit hat sie das verdient?"
  • "Der arme Mann im Rollstuhl?"
  • "Wie ist das wohl, wenn man nicht sehen kann?"
  • "Oh Gott!"

Aber ist das so? Sind das die Kriterien für das Behindertsein? Nein! Nicht einmal bei Johannes Paul hatte Gott etwas mit seiner Seligwerdung zu tun. In allen drei Fällen, die scheinbar nichts miteinander gemeinsam haben, ist das Verfahrensgerüst der Organisationen ausschlaggebend, der Römisch-Katholischen Kirche, der deutschen Sozialversicherungsträger und der Patentämter. Und da haben wir unsere Gemeinsamkeit.

Wer weiß schon, was der Johannes Paul davon hält, dass sie ihn aus seiner Gruft zur Fleischbeschau rausgefahren haben? Vielleicht ödet ihn das an - auf seiner Wolke sieben! Wir wissen es nicht. Der deutsche Papst wusste es garantiert auch nicht. Das kann man auch nicht rückgängig machen. So etwas kann immer nur die Organisation, die den Titel verleiht. Der Guttenberg musste das auch erfahren. Das ist ungefähr so, wie geklautes Geld zurückzugeben. Kann man machen, ändert aber an der Strafe nichts; na ja, vielleicht ein bisschen. Behinderung kann man ebenfalls nicht zurückgeben.

Das Patentamt prüft eine Anmeldung und sendet sogenannte Entgegenhaltungen zurück. Die zuständige Stelle zur Verleihung von Behindertenausweisen – für meine Patente gab es klasse Urkunden – prüft auch und schickt Ablehnungen. Die Römisch-Katholische Kirche agiert völlig im Verborgenen nach Kriterien, die vor der Welt versteckt werden. An dieser Stelle muss ich aber gestehen, dass mich das Studium von Sozialgesetzbüchern und Patentverfahrensregeln nicht gerade ermuntert hat, mich auch noch mit den übernatürlichen Gesetzen des Vatikans zu beschäftigen.

Alle drei, der Erfinder, der Behinderte und der Selige, werden ernannt. Es wird so viel Schrott erfunden, das glaubt man gar nicht. Johannes Paul hat aus Sicht der Kirche eine an Parkinson erkrankte Frau wundergeheilt. Ob die da wirklich richtig geprüft haben - im Vatikan? Immerhin hatte er selbst schwer Parkinson. Wie schon erwähnt, kenne ich mich mit den Regeln des Göttlichen nicht so aus. Der Mensch, der Behinderter werden möchte, wird in der Regel auch auf seine "Zutrittseignung" geprüft. Er hat in den seltensten Fällen eine Ahnung davon, was ihm bevorsteht. Damit passt er prima in den Club der Erfinder, Heiligen und Seligen.

Sie müssen stark sein,
um schwerbehindert
zu werden.